Der innere Kritiker, der allerbester Freund.

Als Podcast-Besessene gehört »Hidden Brain« zu meinen absoluten Favorites. Die Gäste sind fast immer überaus interessant, aber vor allem ist Shankar Vedantam ein sehr sympathischer und zugewandter Host, ein Meister der Fragestellung und immer penibel vorbereitet. Dass der Podcast technisch absolut toll ist, ist für mich immer ein besonderer Bonuspunkt.  

Eigentlich könnte ich nach jeder gehörten Episode einen Blog-Post schreiben. Heute nehme ich mir aber unbedingt die Zeit, denn die Folge mit der Psychologin Kristin Neff hat mich besonders inspiriert: https://hiddenbrain.org/podcast/being-kind-to-yourself/. Es ging um den inneren Kritiker und die Glaubenssätze, die mit diesem Phänomen verbunden sind. Nicht nur persönlich für mich, sondern auch in meiner Rolle als Branding-Coach empfinde ich das Thema überaus wichtig. Denn wenn wir keinen guten Umgang mit uns selbst haben, werden wir uns nicht gut nach außen vermarkten können.

Aber erstmal zur These von Kristin Neff, die mit dem weit verbreiteten Glauben aufräumt, dass Selbstkritik, angestachelt vom sog. »Inneren Kritiker«, eine Tugend sei. Wer nur hart genug mit sich ins Gericht geht, der spornt sich an. Dann, so die Idee, werden wir besser oder anders: Je harscher, desto Erfolg.  

Doch nicht selten wird vor dieser Gleichung unser innerer Kritiker zum ärgsten Feind. Jeder, der Kinder hat wird wissen, dass das die brutalste aller Erziehungsmethoden und längst nicht mehr zeitgemäß ist. Denn wer geschimpft wird, wird klein, schämt sich. Die Gleichung lautet also vielmehr: Je harscher, desto Selbstsabotage. Es ist ein Trugschluss, dass wir uns auf die Weise selbst motivieren, dass wir uns entwickeln, stärken, wenn wir den Finger besonders tief in die Wunde legen. Vielmehr geraten wir in eine Negativspirale aus Ängsten und Depressionen.  

Dabei ist unser innerer Kritiker erst einmal dazu da, uns beim Überleben zu helfen und hat damit eine überaus wichtige Funktion. Durch Selbstkritik – dem inneren Dialog – durchdringen wir Dinge, reflektieren sie, und zwar so, dass wir möglichst davor bewahrt werden, Fehler erneut zu begehen. Es ist eine Form des Lernens, durch die wir besser werden. 

Die Lösung ist, den inneren Kritiker nicht als besonders harten Zensor, sondern als besten Freund zu positionieren. Als jemand, der uns liebt und möchte, dass wir wachsen, so wenig beschadet wie möglich durch schwere Zeiten gehen. Jemand, von dem wir uns einen guten Rat holen können, wenn wir gerade nicht weiterwissen oder es uns nicht gut geht. Jemand, der uns motiviert, uns so zur Seite steht, so dass wir das Beste aus uns herausholen – und der uns im Anschluss dafür lobt. 

Zeigen uns unsere besten Freunde nach einem Fehler nicht Mitgefühl, statt uns niederzumachen? Helfen sie uns bei der Einordnung und bei der Suche nach Auslösern? Beste Freunde haben Verständnis, führen uns nicht (nur) das Schlechte, sondern (besonders) das Gute vor Augen. 

Dabei geht es nicht darum, etwas ungeschehen zu machen oder über etwas hinwegzugehen. Es geht darum, eine realistische Einschätzung vorzunehmen und sicherlich auch Verantwortung zu übernehmen, zu etwas zu stehen. Dann, genau dann, setzt Entwicklung ein. Wer seine Fehler versteht und durchdringt, wer dabei empathisch mit sich umgeht, kann daraus lernen, gar sich offen und ohne Scham dafür entschuldigen, wenn es die Situation verlangt. Wer dagegen Mitgefühl mit sich selbst vermeidet und meint, besonders harsch mit sich zu sein, lernt nachgewiesenermaßen am wenigsten aus Fehlern, entwickelt sich am langsamsten, blockiert sich und wird vor allem nicht kommunizieren, um nach außen hin Verständnis zu erreichen. Mir ist an dieser Stelle ganz wichtig: Diese Art von positivem Umgang mit sich selbst ist eine nachhaltige und erfolgreiche Strategie und nicht ein bisschen Kuschelkurs.

Mitgefühl und persönliche Entwicklung gehen Hand in Hand. 

Der »innere Kritiker« darf also gerne ab sofort in »bester Freund« umbenannt und entsprechend visualisiert werden. Was würde mir dieser über einen Fehler, den ich gemacht habe, sagen? Würde er mich mit Vorwürfen überschütten oder in den Arm nehmen, beruhigen und dann zusammen die Learnings aufarbeiten, sagen: »Hey, ok, war nicht super, aber betrachte es doch mal so und so …« Würde er mich in Stresssituationen zu noch mehr Druck antreiben oder mir helfen innezuhalten und drei Mal tief durchzuatmen? Auf dem Weg zu diesem positiven inneren Dialog hilft es bisweilen, diesem Freund einen Namen zu geben.

Wer nun immernoch meint, das sei ja nicht viel mehr als ein wenig »Happy Talk«, der kann sich gerne mit der Korrelation von Mitgefühl und mentaler Stärke auseinandersetzen und wird erstaunlich viel verstehen.  

Kristin Neff hat übrigens noch einen schönen Tipp für all diejenigen, die viel zu lange viel zu harsch mit sich selbst waren: Jedes Mal, wenn Du Dich dabei erwischst, wie Du mal wieder streng mit Dir selbst bist, berühre Dich für einen Moment. Das wirkt wie ein Trigger für mehr Selbstmitgefühl, eine Art Reset-Button. Denn auch mein bester Freund tut das in schwierigen Momenten, nimmt mich in den Arm. Sonst wäre er nicht mein bester Freund. 

How beautiful when LOVE is in the sun and hate in the shade

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Warum ich bisweilen gender’ *